Linux als Desktopsystem ist für Privatanwender immer noch kacke

Über die letzten Jahre hat meine Nutzung von Linux mehr und mehr zugenommen, sodass ich es jetzt überwiegend für die meisten, täglichen Aufgaben am Rechner nutze.

Linux kann mittlerweile viel

Paketverwaltung, riesige Auswahl an Hintergrunddiensten, mit steigendem Wissen mehr und mehr Möglichkeiten, genau nachzuvollziehen, was im System passiert und dieses bei Bedarf selbst anpassen zu können. So habe ich Linux in der vergangenen Zeit mehr und mehr schätzen gelernt.

Viele Funktionen, deren Nutzung unter Windows häufig nur mittels Adware versuchten Installern möglich ist, werden durch die meisten Linux Distributionen gleich mitgeliefert.

Mittlerweile gibt es für mich nur noch wenige Gründe, Windows zu verwenden. Extrem viel passiert im Browser: Office, Social Media, Musik und Podcast hören, Video Streaming, Notizen, E-Mail. Dafür ist das Betriebssystem schon fast egal.

Lediglich einige, wenige Programme, die nicht für Linux erhältlich sind, zwingen mich dazu, Windows doch noch sporadisch zu booten. (Nein, ich will die die Programme nicht emulieren, sollte es gerade jemanden in den Fingern jucken)

Alles in allem eine tolle Sache.

Weinendes Meme Face mit Bildunterschrift You Really Mean It?

 

Böses Meme Face, daneben nein

 

 

Alles in allem? Nicht.

In den letzten Wochen habe ich einen Desktop PC und einen etwas älteren Laptop aufgesetzt. Einen mit Ubuntu 14.04 LTS und einen mit Linux Mint 17, wo ja ungefähr das Gleiche unter der Haube steckt. Mein Erfahrungsbericht:

Erstes Gerät (Laptop)

  • Installationsmedium rein
  • Bootet in GRUB
  • ENTER
  • Erster Setup Screen sichtbar
  • Keine Tastatureingabe möglich

Nur um das mal festzuhalten, hier hätte jeder normale „ich möchte auch mal Linux ausprobieren“ Nutzer wieder die Windows DVD reingelegt.

Stellte sich heraus, damit die Tastatur funktioniert, muss man für dieses Gerät die GRUB Boot Parameter anpassen, und zwar mit i8042.nopnp=1 i8042.dumbkbd=1 ergänzen. Ja genau, erklärt das mal euren Eltern am Telefon.

Zweites Gerät (Desktop PC)

  • Installationsmedium rein
  • Bootet in GRUB
  • ENTER
  • Bildschirm flackert
  • Bildschirm flackert immer noch
  • Bildschirm hätte mindestens bis zum 19. Januar 2038 weitergeflackert

Zur Veranschaulichung hier noch mal die nicht unwahrscheinliche Reaktion eines „normalen“ Nutzers

Schauspieler zerstört Computer auf den Boden

Des Rätsels Lösung: Bootparameter nomodeset, um dann nach dem Setup unter „Anwendungen & Aktualisierungen“ unter „Zusätzliche Treiber“ den bösen, proprietären NVIDIA Treiber zu installieren.

Halten wir mal fest: Rechner 1: Tastatur funktioniert nicht. Rechner 2: Installationsmenü wird durch flackernden Bildschirm ersetzt. Wir haben 2015, oder?

Endlich im System angekommen

Wenn unser „normaler Nutzer“ dann erst mal all seine Nerdfreunde angerufen und das System mit i8042.nopnp=1 i8042.dumbkbd=1 nomodeset goddamnitfuckmylife installiert hat, sieht er zum ersten mal seinen neuen Linux Desktop.

Dieser sieht nach meinem Empfinden schön schlicht und übersichtlich aus. Es sei denn, man bleibt bei der Ubuntu Standard Benutzeroberfläche Unity, dann sieht das natürlich richtig kacke aus.

Hashtag Amazon, Hashtag MoreSuggestions.

Aber ich muss zugeben, genau an dieser Stelle, wenn das default Grundsystem erst mal installiert ist, können die meisten Linux Distributionen punkten. Viele Standardprogramme sind vorinstalliert (Browser, Office, Musik, Video, Bildbearbeitung). Wer nichts anderes benötigt, kommt so gut zurecht.

Aber dann gibt es wieder so Kleinigkeiten, die nerven. Wenn man zum Beispiel mit Ubuntu 14.04 und MATE Oberfläche Starter-Eigenschaften anpassen will, bekommt man dieses kontrastreiche Menü zu sehen

Firefox Starter Eigenschaften, sehr helle Schrift auf weißem Hintergrund

 

Alte Oma, die mit Brille auf den Rechner schaut. Darunter can't see shit

Sowas darf nicht sein.

Mir ist bewusst, dass neben den bezahlten Profis unfassbar viele freiwillige Helfer an allen möglichen Open Source Projekten und somit auch Linux arbeiten. Und ich bin ihnen dafür auch unglaublich dankbar. Aber das interessiert den „normalen Nutzer“ nicht.

Man kann doch einfach nachfragen und recherchieren…

Während ich es als kleine Herausforderung sehe, wenn ich bei der Computernutzung vor Problemen stehe: rumprobiere, nach Lösungsansätzen suche oder erfahrene Benutzer im IRC Chat frage, will der „normale Benutzer“ nur das System bedienen. Und das Killer Argument „Dann mach doch selber / Dann mach doch besser“ (weil open source) zieht da nicht.

Das ist so, als würde man mir sagen, ich soll aus einem Eichenstamm bis Ende der Woche einen Schrank bauen. Unmöglich also. :)

Häufig, wenn sich Menschen über Linux beschweren und fragen, warum irgendwas nicht funktioniert oder möglich ist, kommt etwas in der Richtung zurück:

Natürlich geht das, dazu musst du nur das Terminal öffnen
[95% der Normalnutzer abgesprungen]
in /etc/sysctl.d/
[96% der Normalnutzer abgesprungen]
eine neue Datei anlegen
[97% der Normalnutzer abgesprungen]
und mit vim
[98% der Normalnutzer abgesprungen und für immer in vim gefangen]
folgende Parameter
[99% der Normalnutzer abgesprungen]
eintragen und mit sudo sysctl –system bestätigen.
[100% der Normalnutzer abgesprungen]

Oft sind besondere Einstellungen auch nur durch das Bearbeiten einer Datei möglich. Während ich dies häufig praktisch finde, weil es viel Raum für Automatisierung und Scripte lässt, vermute ich, dass es für einen Linux Einsteiger die reinste Qual ist, sich durch hunderte Zeilen Konfigurationsdatei zu kämpfen.

Ob es rein technisch im Rahmen des Möglichen liegt, ist dabei nebensächlich.

Es hilft zum Beispiel auch nicht, dass es unter „System -> Einstellungen“ die Menüpunkte

  • Eingabemethode
  • Maus
  • Tastatur
  • Tastatureingabemethoden

gibt. Geht das nicht einfacher und übersichtlicher? Selbst diese, einfachen GUI Dinge sind für Einsteiger unfassbar schwer zu durchdringen.

Eigentlich will ich auch gar nicht damit anfangen, wie intuitiv Linux Oberflächen zu bedienen sind. Der Text soll ja schließlich noch ein Ende finden.

Fazit

Mir sagt Linux mehr und mehr zu, weil mir viele Dinge unter der Haube sehr gefallen, ich größeren Spielraum für individuelle Ansprüche am System habe und mich teilweise auch gerne damit beschäftige.

Freunden und Verwandten, würde ich auf gar keinen Fall ein Linux Desktop empfehlen. Dabei würde ich das gern. Schon seit Jahren. Immer wenn ich bei manchen dieser Menschen 46 unnütze Programme in der Windows Tray oder 3/4 des Internet Explorers aus Toolbars besteht. Aber besser eine scheiß Experience mit Windows, als die pure Verzweiflung mit Linux.

Entweder sollen die Verantwortlichen der großen Distros das intuitiv newbietauglich machen oder damit aufhören, ihre Distribution als System für die breite Masse zu vermarkten.

Disclaimer nach § 23 Abs. 42 FaNboY

Da es heutzutage leider immer einer Rechtfertigung bedarf, will ich mal nicht so sein und mich kurz erklären: Ich habe noch nie einen Mac besessen. Mir missfällt die zunehmende iphonisierung von OS X. Außerdem ist mir mittlerweile der Invest, ins Apple Ökosystem einzusteigen, irgendwie auch zu hoch. Es ist ja nicht nur der Rechner, den man kaufen muss.
Gleichzeitig gebe ich aber gerne zu, dass ich die Geräte schick, innovativ und größtenteils auch intuitiv gut bedienbar finde.

  • Kenny

    Ich gehöre zu den Leuten, die seit ihrem ersten Mac (seit 2011) Zuhause ganz auf Windows verzichten können – obwohl ich früher sogar intensiv für Win32 native programmiert habe.

    Ich sehe keine echte „iPhonisierung“ des Betriebssystems – eher eine Integration von nützlichen Features, die mich während der Arbeit am Mac seltener zum iPhone greifen lassen und mir somit Arbeitsunterbrechungen ersparen. Auch die Eintrittsschwelle wird durch günstige Einstiegsgeräte wieder niedriger.

    Linux setze ich auf Endgeräten dort ein, wo Mac OS X keine Option ist, hatte mit einem normalen Debian dort auch noch keine Probleme, wie von dir geschildert (mit Ausnahme vom iMac G4, aber der ist auch etwas spezieller).

    In Kombination mit einem schönen Gnome-Desktop sehe ich auch nicht, wo ein Normalnutzer beim Erstkontakt Probleme kriegen sollte. WO ich weiterhin massive Probleme sehe, ist der Einsatz von Linux für alles, was über Office und Internet hinausgeht – Multimedia (MP3, MPEG, DVDs, BluRays, Flash, etc.) und Spiele (Grafiktreiber!!!) sind bis dato ein Graus und oft genug absolut frickelig einzurichten.

  • Ich hatte nie Problem mit meinem Thinkpad und Ubuntu. Selbst Photoshop lief erste Sahne! DEn Fingerabdrucksensor mußte ich nachinstallieren, genau wie eine Lüftersteuerung. Aber das ist ok. weil linux halt frickeln bedeutetet, aber sind wir mal ehrlich macht das auch Spaß!