Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar bei dem neusten Blogpost von Jens hinterlassen. Da die Antwort jedoch zu lang wurde, schreibe ich nun hier einen Text zu dem Thema.
So wie ich es verstanden habe, schrieb Jens im Wesentlichen, dass er die Reaktionen (wie Beileidsbekundungen) zum Tod von Amy Winehouse nicht verstehe, da sie ihr Leben durch den Drogenkonsum und nicht genutzte bzw. verweigerte Entziehungskuren weggeschmissen habe und somit noch nachträglich einen “Arschtritt” verdiene.
Die Mehrzahl der Kommentierenden schien dies ähnlich zu sehen.
Diese Meinung teile ich nicht und möchte kurz sagen warum.
Amy Winehouse
Ich war bisher kein Fan von Amy Winehouse, höre jedoch einige ihrer Lieder recht gerne und war bei der Nachricht ihres Todes auch nicht sonderlich ergriffen. Es gab schlimmere Berichte in den letzten Tagen.
Einen nachträglichen “Arschtritt” verdient sie aber meiner Meinung nach ganz und gar nicht.
Vielleicht traf sie in ihrem Leben vor den Drogen einige Entscheidungen, wie die Wahl der Freunde oder des Partners, die den Weg zur Sucht ebneten. Vielleicht hatte sie aber auch vorher schon mit psychischen Problemen zu kämpfen, die zur Sucht führten. Es könnten aber auch ganz andere Gründe sein.
Doch erst bei Drogen wie Heroin, Kokain, Crack oder Alkohol angekommen, schaffen es wohl nur die wenigsten dauerhaft Clean zu bleiben.
Selbst mit einer aufwendigen, multiprofessionellen Betreuung ist es für die meisten wohl kaum möglich, die Sucht zu überwinden. Amy Winehouse hat sich zwar teils gegen eine Therapie gesträubt und dies sogar in einem Lied verarbeitet, doch es gab auch Zeiten, in denen sie die ihr gebotene, professionelle Hilfe annahm. Viele Süchtige schaffen diesen Schritt erst gar nicht.
Die Sucht
Sucht bedeutet i.d.R. ja auch, dass der Betroffene unfähig zur Abstinenz ist, wahrscheinlich einen Kontrollverlust erlebt und unter der Situation leidet. Nur weil das aktive Konsumieren einer Droge, wie das Trinken einer Flasche Bier, von den meisten als bewusste Handlung wahrgenommen wird, muss es nicht heißen, dass der Betroffene dem Drang wiederstehen kann.
Selbst wenn es der Betroffene, wie in diesem Fall Amy Winehouse dann schafft externe Hilfe anzunehmen, ist dies keine Garantie für den Erfolg, ganz gleich wie gut das betreuende Team ist.
Der folgende Vergleich mag extrem und hart sein, doch wenn man (stoffgebunden) süchtigen Personen Vorwürfe bei einem Rückfall macht, könnte man einem Krebspatienten genauso gut Vorwürfe machen, wenn dieser ein Rezidiv erfährt.
Ich denke, psychische Krankheiten werden von vielen in unserer Gesellschaft falsch bewertet, was besonders den Betroffenen schadet, da sie nicht mehr ernst genommen werden.
Depressionen? Das wird schon wieder… stell dich nicht so an. Burn out? Mach eine Woche frei, dann bist du wieder startklar. Magersucht? Iss doch einfach was… das musst du doch selbst erkennen, schau mal in den Spiegel! Psychose? Du hörst Stimmen? Ich muss dann mal auch weg. ADHS? Cool, kannst du Ritalin klar machen? Borderline? Mach hier nicht so einen Terz und pass dich gefälligst an.
Der Grund, warum ich dies nun schreibe, ist also weniger der Tod von Amy Winehouse, sondern das an meine Umwelt gerichtete Anliegen sich mehr mit psychischen Krankheiten auseinanderzusetzen, wenn sie mit diesen konfrontiert werden. Denn im Gegensatz zu einer Grippe oder einem Beinbruch sind diese nicht so leicht zu erkennen und oft auch schlecht nachvollziehbar.
Ich glaube, neben einer professionellen Hilfe, ist bei den meisten psychischen Erkrankungen auch ein gesundes, unterstützendes familiäres und freundschaftliches Umfeld von besonderer Bedeutung für die Heilungschancen.